Liebe Leserinnen und Leser,

Der Begriff „Erweiterte DNA-Analysen„ wird heutzutage als Sammelbegriff für Erbgut-Analysen verwendet, die über die Feststellung der Identität einer Person hinausgehen. Mit Erweiterten DNA-Analysen sollen äußere Merkmale und Alter (DNA-Phänotypisierung) sowie die sogenannte „biogeografische Herkunft (bgH)„ bestimmbar sein. Sie werden daher in der öffentlichen Debatte oft auch als „genetisches Phantombild„ bezeichnet.Bisher ist es gesetzlich nicht erlaubt, diese Analysen in Ermittlungsverfahren einzusetzen. Diese Beschränkung wurde getroffen, da diese Bereiche keine persönlichkeitsrelevanten Aussagen zulassen sollen, also Aussagen über Aussehen, Charakter oder Gesundheit eines Menschen. Damit soll die Privatsphäre der von Ermittlungen betroffenen Menschen geschützt werden.

Der Einsatz erweiterter DNA-Analysen in der Forensik, insbesondere DNA-Phenotyping und die Bestimmung der sogenannten „biogeografischen Herkunft (bgH)„, wird derzeit deutschlandweit diskutiert. Seit November 2016 haben euphorische Medienberichte das öffentliche Stimmungsbild geprägt; darin erfuhr man viel über die Anwendungsmöglichkeiten und Chancen, aber kaum etwas über Risiken, Fehleranfälligkeiten und ethische Problematiken dieser Technologien. Erst seit neuestem mischen sich nachdenkliche bis kritische Stimmen in die Debatte ein.

Im Ausland, wo diese Technologien bereits zum Einsatz kommen, findet bereits seit einiger Zeit eine intensive und kritische Auseinandersetzung mit den Bedingungen und Folgen statt. Sie haben zeigen können, dass es durchaus Missanwendungen dieser Technologien gab und geben kann, und versucht, Wege zur Vermeidung solcher Fehler aufzuzeigen. Damit sind schon viele Verbesserungen anregt worden. Zudem konnten Wissenschaftler in bestehenden Strukturen, als Mitglieder entsprechender Ethikgruppen, Boards und Entscheidungsgremien, unmittelbar mitentscheiden, wann und wie ein Einsatz sinnvollerweise getätigt werden sollte und wann (oder wie) nicht.

In Deutschland fehlt diese Forschungsrichtung derzeit noch, und auch von multidisziplinären Entscheidungs- und Regulierungsstrukturen ist man hierzulande noch weit entfernt. Eine ausgewogene, kritisch-konstruktive Debatte, eine umsichtige Regulierung der Technologien kann so nicht stattfinden.

Problem Referenzdatenbanken
Um eine DNA-Spur einer Population zuzuordnen zu können, werden Referenzdatenbanken benötigt, in denen die DNA-Daten möglichst vieler repräsentativer Individuen dieser Population gespeichert sind. Bestimmte Merkmale der DNA-Spur werden dann mit den Merkmalen der DNA-Spuren in den Referenzdatenbanken verglichen, um sie zu klassifizieren.

Diese Datenbanken sind keine polizeilichen Datenbanken, sondern öffentliche Forschungsdatenbanken. Eine Einverständniserklärung („informed consent„) der Personen, die der Aufnahme ihrer Daten in diese Datenbanken zugestimmt haben, für die entsprechende Verwendung ihres DNA-Datensatzes müsste als Standard vorausgesetzt werden können.

Der Abgleich zwischen einer DNA-Spur und einer Referenzdatenbank ist arbeitsintensiv und alles andere als trivial.
Referenzdatenbanken beruhen oft auf dem Prinzip, dass die ProbandInnen möglichst „ortstreu„ sein sollen: also aus Familien, die stets am selben Ort gelebt und deren Mitglieder stets in der Nähe geheiratet haben. Neue DNA-Datensätze können entsprechend nur dann mit großer Wahrscheinlichkeit einer solchen Population zugeordnet werden, wenn deren Referenzdaten vorher nach genau diesen Kriterien erhoben worden sind. Kinder aus interkontinentalen Partnerschaften werden von der Technologie meistens einem der beiden Eltern zugeordnet. Dabei lässt sich selbst diese Zuordnung nur dann einigermaßen verlässlich treffen, wenn beide Herkunftsfamilien zuvor „ortstreu„ waren und die „Mischung„ daher unkompliziert ist – so zumindest die Annahme der GenetikerInnen.
Alle anderen, in deren Familiengeschichte irgendwann einmal „Ortsfremde„ hineingeraten sind oder die aus Gebieten stammen, in denen viel Zu- und Abwanderung geschieht, oder in denen viele Menschen aus unterschiedlichen Regionen friedlich miteinander leben, lassen sich aber nicht gut zuordnen – jedenfalls nicht mit 99,9% Wahrscheinlichkeit. Diese anderen sind entsprechend in den meisten Referenzdatenbanken nicht repräsentiert.

Wenn man die turbulente Geschichte der meisten Weltregionen bedenkt, kann die korrekte Bestimmung der bgH also nur in wenigen Fällen gelingen. Die Referenzdatenbanken simulieren nämlich eine recht überschaubare Lebenswelt: In der Region, aus die die Spur stammt, sollte es nie zu Vorkommnissen gekommen sein wie z.B. Wanderungen, Kulturkontakte, Mobilität, Handel, überregionale Familien, Kriege, Zwangsumsiedlungen, Massenvergewaltigungen, Deportationen, Genozide etc. All das könnte eine Zuordnung kompliziert, unzuverlässig, ja unmöglich machen.

Stammt die DNA am Tatort von einer Person, deren Familie irgendwann mal von solchen Ereignissen betroffen war, wird die DNA-Analyse die ErmittlerInnen auf die falsche Spur locken – oder mit großen Fragezeichen zurücklassen.

Wenn heute in Deutschland über den Sinn und Nutzen erweiterter DNA-Analysen diskutiert wird, berufen sich Befürworter auf die positiven Erfahrungen in den Niederlanden und Großbritannien. Was viele nicht wissen: Auch in Deutschland sind bereits Erfahrungen mit dem Einsatz entsprechender Technologien in der Ermittlungsarbeit gesammelt worden. Dass Ermittlungen, die sich der DNA-Forensik bedienen, durchaus nicht nur Erfolge hervorbringen, wird dabei aber gerne übersehen. Der bislang wohl spektakulärste Fall DNA-basierter Fehlermittlungen war die Jagd nach dem »Heilbronner Phantom«. Dies war zugleich der erste Fall, in dem offiziell eine DNA-Analyse zur »biogeographischen Herkunft« einer mutmaßlichen Mörderin in kriminalpolizeiliche Ermittlungen in Deutschland einbezogen wurde. Und: Die zentrale Verantwortung dafür lag bei der Kriminalpolizei eben jenes Bundeslandes, welches bei der Forderung nach der Einführung erweiterter DNA-Analysen seit jeher und auch aktuell die Vorreiterrolle einnimmt. Das Beispiel zeigt, welche Problematiken und Risiken mit der Anwendung neuer Technologien einhergehen, wenn keinerlei Regulierungsinstanzen und Kontrollmechanismen vorgesehen sind – wie dies nach dem aktuellen Stand der Diskussion um eine Einführung der erweiterten DNA-Analyse zu erwarten ist.

Prof. Dr. Anna Lipphardt von der Universität Freiburg setzt sich seit Jahren kritisch mit dem Vorhaben der Erweiterung der DNA-Analyse auseinander. Hierzu wurde auch durch sie eine „Wissenschaftliche Initiative zu Erweiterten DNA-Analysen gegründet„. In ihren Beitrag auf Seite 8 skizziert sie die Geschehnisse um das „Heilbronner Phantom„.

Das neue bayerische Polizeiaufgabengesetzes soll es der Polizei erlauben, durch Analyse von DNA-Spuren auf das Aussehen eines Verdächtigen schließen zu können. Das ist nicht nur wissenschaftlich fragwürdig, sondern auch ein Verstoß gegen Persönlichkeitsrechte. Carsten Momsen und Thilo Weichert tragen in ihrem Beitrag auf Seite 27 rechtliche Bedenken gegen die Ausweitung der DNA-Analyse vor.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß, informative Unterhaltung und Vergnügen beim Lesen, bei Bedarf können wir Ihnen weitere Exemplare dieser Ausgabe zur Verfügung stellen. Teilen Sie bitte dem Verlag die Anzahl der noch benötigten Hefte mit. Über Meinungsäußerungen und Leserbriefe würden wir uns sehr freuen.



Ihr Redaktionsteam

Behördenmagazin 3-2018 [6.388 KB]