Liebe Leserinnen und Leser,

Jede am Tatort gefundene Zelle eines Menschen – ganz gleich, ob es sich dabei um Blut, Speichel, Schweiß, Haare, Knochen, Hautabriebspuren oder andere Gewebeteile und Körpersekrete handelt – enthält das Erbmaterial, also die DNA eines Menschen. Für eine DNA-Analyse genügt bereits eine mikroskopisch kleine Menge, da die DNA durch das sogenannte PCR-Verfahren vervielfältigt werden kann. Die Erbinformation ist in Form von 23 Chromosomenpaaren organisiert, auf welchen die DNA „aufgewickelt„ ist. Auf 22 Chromosomenpaaren sind die geschlechtsunabhängigen Merkmale eines Menschen lokalisiert, wozu zwei Geschlechtschromosomen hinzukommen; bei Männern die Chromosomen XY und bei Frauen die Kombination XX.
Bei der forensischen DNA-Analyse wird derzeit ausschließlich die Länge bestimmter Sequenzen des nicht-codierenden Bereichs ermittelt. Je mehr dieser Merkmalssysteme analysiert werden, desto höher ist die Sicherheit einer Identifizierung. Momentan werden bei einer DNA-Analyse acht dieser Merkmalssysteme analysiert. Hierdurch kann eine Tatortspur mit einer Sicherheit von 99,99 Prozent dem Spurenverursacher zugeordnet werden.
Bezüglich des Beweiswertes der DNA-Analyse muss selbstverständlich beachtet werden, dass hierdurch lediglich geklärt werden kann, ob eine am Tatort sichergestellte Spur von dem Verdächtigen stammt. Es wird also allein die Übereinstimmung des DNA-Musters mit der Spur festgestellt. Dadurch wird die Frage, wie die Spur an den Tatort gekommen ist, natürlich nicht beantwortet. Ein Täter könnte beispielsweise ganz zielgerichtet selbst eine falsche Spur legen, indem er etwa am Tatort eine Zigarettenkippe einer anderen Person hinterlässt. Durch Manipulationen und Zwischenträger kann es demzufolge dazu kommen, dass die DNA eines Unschuldigen am Tatort sichergestellt wird, obwohl dieser niemals dort war.
Nach dem Mord an der Freiburger Medizinstudentin Maria Ende des letzten Jahres kam erneut die Forderung nach einer Ausweitung der gesetzlichen Grundlagen zur molekulargenetischen Untersuchung im Strafverfahren auf. Entsprechende Gesetzesentwürfe aus Baden-Württemberg und Bayern sehen eine Erweiterung des § 81e StPO vor. Danach sollen im Rahmen der Spurenanalyse äußere Merkmale aus der DNA bestimmt werden, um hierdurch ein genetisches Phantombild erstellen zu können
Die Anwendung von DNA-Technologien in der Ermittlungsarbeit ist weder einfach noch trivial. Wer eine Ausweitung der polizeilichen Möglichkeiten in diesem Bereich fordert, sollte zunächst die Komplexität dieser Ermittlungsinstrumente zur Kenntnis nehmen: Sie birgt rechtliche, ethische und soziale Risiken, die jeden einzelnen Bürger treffen können.
Vielmehr sind solch neue DNA-Analysen hochkomplexe Technologien, deren technische Zuverlässigkeit für forensisches Arbeiten im Polizeidienst keineswegs einwandfrei geklärt ist. Verschiedene Länder haben unterschiedliche Erfahrungen mit diesen Technologien gemacht: Es hat spektakuläre Fahndungserfolge gegeben, wie etwa in einem Mordfall in den Niederlanden; aber auch desaströse Beispiele für technische Fehler sowie verfehlte Anwendungen und Interpretationen, wie etwa im Fall des „Heilbronner Phantoms„. Es ist also keineswegs eins-zu-eins möglich, in der DNA wie in einem perfekt verschlagworteten Katalog bestimmte Personeneigenschaften einfach nachzuschlagen. Zudem steht eine wissenschaftlich fundierte Evaluation ihrer Anwendbarkeit im rechtlichen Kontext noch aus, und es ist ungewiss, wie sie erreicht werden kann: Weder gibt es derzeit genügend Ressourcen noch Strukturen, um die technische Zuverlässigkeit und die gesellschaftlichen, ethischen und sozialen Risiken solcher Technologien schnell und umfassend zu erfassen.
Es steht nichts Geringeres als das Verhältnis von Staat und Mensch auf dem Spiel. Umso frappierender der Mangel an gesellschaftlichem Bewußtsein für die rechtsstaatliche Tragweite dieser Technologien, obwohl prinzipiell jeder (nicht nur Minderheiten) von Fehlzuordnungen und -interpretationen betroffen sein könnte. Hier geht es um Datensicherheit und den Schutz der Privatsphäre; rechtliche Prinzipien wie Unschuldsvermutung, Beweislast und Verhältnismäßigkeit der Mittel; aber eben auch um Sicherheit, Recht und Gerechtigkeit. Wo setzt man Grenzen bei der Anwendung von DNA-Analysen? Welche DNA-Datenbanken können von der Polizei und anderen Sicherheitsorganen genutzt werden, und auf welche Weise? Was wird mit derart gewonnen Daten gemacht? Sollen Informationen verschiedener Datenbanken – Sozialfürsorge, Gesundheit, Bildung, Versicherung, Bankdaten, usw. – mit biologischen Daten verbunden werden dürfen? Von wem, zu welchem Zweck, in welcher Situation, und für wie lange? Es geht nicht darum, Täter zu schützen, sondern um den Schutz der Rechte aller.
In der Bundesrepublik Deutschland wird derzeit heftig über die Ausweitung der DNA-Analyse und dem damit verbundenen möglichen DNA-Phenotyping diskutiert. Da die Veröffentlichungen der Befürworter und Gegner einen sehr breiten Raum einnehmen, hat sich die Redaktion dazu entschieden, in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift den Befürwortern die Möglichkeit zu geben, ihre Argumente darzulegen. In der folgenden Ausgabe dieses Jahres kommen dann die Kritiker zu Wort.
Wer erfand das Erbmodell der DNA? Die etwas kuriose Geschichte über die beiden Wissenschaftler, die dafür den Nobelpreis erhielten, können Sie auf Seite 7 nachlesen.
Der genetische Fingerabdruck ist in der Rechtsmedizin längst etabliert. Doch DNA-Analysen haben auch eine politische und moralische Dimension – zum Beispiel, wenn es darum geht, die biogeographische Herkunft einer Person vorherzusagen. Welchen Wert diese Vorhersage für die Strafverfolgungsbehörden hat, beschreibt Frau Nicola Siegmund-Schultze in Ihrem Beitrag auf Seite 11.
Zu diesem Thema hat sich auch die Gemeinsame Spurenkommission der rechtsmedizinischen und kriminaltechnischen Institute in Deutschland geäußert. Sie wurde als Einrichtung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin gegründet und hat je vier Vertreter aus der Rechtsmedizin sowie der Kriminaltechnik. Sie organisiert die GEDNAP-Spurenringversuche zur Qualitätssicherung der DNA-Analysen im Strafverfahren und veröffentlicht wissenschaftliche Empfehlungen. Die Stellungnahme des Vorsitzenden der Spurenkommission, Prof. Dr. Peter Schneider, sowie ein ergänzendes Interview mit ihm, sind auf den Seiten 15 und 16 abgedruckt.

„Die Erweiterung der DNA-Analyse erlaubt eine deutliche Eingrenzung des Personenkreises, der als Täter in Frage kommt - und hält außerdem Unschuldige aus dem Ermittlungsverfahren.„ Diese Aussage stellt Prof. Dr. Manfred Kayser von der Erasmus Universität Rotterdam an den Beginn seiner Ausführungen zur Ausweitung der DNA-Analyse. Auf der Seite 16 geht er auch auf die Argumente von Kritikern ein und fordert die Einführung der erweiterten DNA-Analyse in Deutschland.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß, informative Unterhaltung und Vergnügen beim Lesen, bei Bedarf können wir Ihnen weitere Exemplare dieser Ausgabe zur Verfügung stellen. Teilen Sie bitte dem Verlag die Anzahl der noch benötigten Hefte mit.
Über Meinungsäußerungen und Leserbriefe würden wir uns sehr freuen.

Ihr Redaktionsteam

Behördenmagazin 2-2018 [6.514 KB]